SPIELsmart – Aus dem Alltag unserer Brettspielschule: Etüden müssen sein
Heute können wir das Spiel „Garden Lake“ vertiefen und würdige Landschaftsarchitekten sein. Punkt 15 Uhr sitzen die Kids mit unserem Senior Andreas am Spieltisch. An der Tafel stehen die heutigen Programmpunkte. „Ich muss noch kurz etwas klären, fang doch schon einmal an, Andreas, danke Dir!“ Als ich zurückkomme, dringt Gelächter aus dem Brettspielraum. Na, geht doch! Aber dann sehe ich, dass „Flow“ auf dem Tisch steht. Die kleinen haben unseren Andreas übers Ohr gehauen und behauptet, ich hätte für heute „Flow“ geplant! In Ordnung, dann spielt zu Ende, aber danach geht es mit „Garden Lake“ weiter. Wenn es sein muss, ja, ok, aber nur, wenn wir nächstes Mal noch einmal „Flow“ spielen dürfen! Das ist Nötigung. Also – in Ordnung. Manchmal muss man Kompromisse eingehen. So, jetzt aber keine weiteren Diskussionen, wir sind schließlich kein fröhlicher Brettspielclub. Ihr sollt etwas lernen! Der Aufbau ist flink, Regeln-Refresh geht schnell und die Partien sind schon deutlich konzentrierter. Und siehe da: Es macht sogar Spaß! Am meisten, wenn man mir oder den großen Jungs (Modulleitungen) besonders brauchbare Teile klauen kann und ein fragwürdiges Heptomino in H-Gestalt zurücklässt. Erste Insider entstehen wie „meine Alarmanlage geht wieder an. Wiuwiuwiu.“ Die Punktzahlen steigen. Die Laune auch, der Hunger ebenso. Mittlerweile muss ich unserer zweiten Gruppe immer Brot- und Apfelscheiben servieren, weil Denken anscheinend wohl Kalorien verbraucht. Ich verabschiede die Kurseinheit mit einem liebevollen „Und nächstes mal spielen wir mit Dekoteilen“. Die Begeisterung hält sich in Grenzen. Aber was muss, das muss! Und plötzlich kommt mir da ein Gedanke: Das ist hier, wie in meinem Klavierunterricht. Es gibt leichte Newclassics und Poplieder, die eigentlich jeder spielen kann und will, die aber keine Tiefe haben. Es gibt anspruchsvollere Klassik, deren Erarbeitung Disziplin und Talent erfordern und dann gibt es da noch: Etüden! Etüden sind Stücke, die bestimmte technische Aspekte vermitteln, aber anstrengend sind und nicht unbedingt immer Spaß machen. Dafür aber sind sie unverzichtbar und wertvoll, um voranzukommen. „Garden Lake“ scheint mir so eine Etüde zu sein.
Simone Anders