Was ein Medienecho bewirken kann
Es war ein Brief, der zunächst nur für die Schulaufsicht bestimmt war. „Türen werden eingetreten, Papierkörbe als Fußbälle missbraucht, Knallkörper gezündet und Bilderrahmen von den Flurwänden gerissen.“ Anfang März 2006, vor 20 Jahren, schrieben die Lehrkräfte der Rütli-Hauptschule in Berlin-Neukölln einen Brandbrief. Ein geordneter Unterricht war an der Schule, an der mehr als 80 % der Schülerinnen und Schüler ausländischer Herkunft waren, nicht mehr zu gewährleisten. Die Lehrkräfte kritisierten in ihrem Hilferuf eine verfehlte Integrationspolitik, die zur Ghettobildung führte. Die Hauptschule sei am Ende einer Sackgasse angekommen, hieß es damals. Der Brief war ursprünglich nicht für die Medien bestimmt gewesen. Dies änderte sich am 30. März 2006, nachdem dem Kollegium signalisiert wurde, dass der Hilferuf in einer Schublade verschwunden sei. Und tatsächlich: Der Schulsenator wurde noch nicht einmal über den Brief informiert. Nun machte der Fall bundesweit Schlagzeilen. Von einer „Hassschule“ war die Rede. Die Schulleitung widersprach der Darstellung, die Lehrkräfte hätten um die Auflösung der Schule gebeten. Die Folge des Brandbriefes war ein Modellprojekt. Die Rütli-Hauptschule schloss sich mit zwei anderen Schulen und zwei Kindergärten zu einer Gemeinschaftsschule zusammen. 27 Millionen Euro wurden investiert: Eine Ausbildungsstätte, eine Sporthalle, eine Volkshochschule und ein Elterncafé entstanden. Unter Pädagogik-Fachkräften gilt das, was in den Folgejahren aufgebaut worden war, als „Wunder von Neukölln“. Derartige Wunder sehnen wir auch neuerdings herbei.
Uwe Rosenberg
Quelle
www1.wdr.de: Stichtag 30. März 2006, „Brandbrief“ der Rütli-Hauptschule wird öffentlich, 30. März 2011